Jedes Jahr erklärt irgendjemand das Zehnfingersystem für überflüssig. Erst sollten die Smartphones es erledigen, dann die Spracheingabe, jetzt die Sprachmodelle, die ohnehin für uns schreiben. Das Argument ist immer dasselbe: Wozu schnell tippen lernen, wenn immer weniger Text von Hand getippt wird?
Das Argument stimmt. Es trifft nur nicht das, worum es beim blinden Schreiben tatsächlich geht.
Auf die Geschwindigkeit kommt es nicht an
Fangen wir mit einem Befund an, der jedem Zehnfinger-Kurs unangenehm sein dürfte. 2016 haben Forscher der Aalto-Universität – Anna Feit, Daryl Weir und Antti Oulasvirta – mit Kameras und Sensoren aufgezeichnet, wie 30 ganz normale Menschen tippen. Ein Teil davon hatte irgendwann das klassische Zehnfingersystem gelernt, der Rest waren Autodidakten, die mit fünf oder sechs Fingern schreiben, wie es sich eben ergeben hat.
Ein Unterschied in der Geschwindigkeit ließ sich nicht feststellen. Die Autodidakten tippten nicht langsamer als diejenigen, die ihre Hände nach Lehrbuch aufsetzen. Wie viele Finger im Einsatz waren, spielte für das Ergebnis überhaupt keine Rolle.
Dieselbe Studie enthält aber noch eine zweite Beobachtung, und die wird gern übersehen.
Der Unterschied liegt im Blick
Wer schneller tippte als die anderen, hatte zwei Dinge gemeinsam: Die Hände blieben ruhig liegen, und der Blick ging kaum zur Tastatur. Nicht die Finger, nicht die Tastaturbelegung, nicht die Technik. Die Augen.
Überlegen Sie einmal, was passiert, wenn jemand beim Schreiben nach unten schaut. Den Bildschirm sieht er nur in Ausschnitten: Alle paar Wörter hebt er den Kopf, um nachzusehen, was dabei herausgekommen ist. Einen Tippfehler bemerkt er nicht im Moment des Anschlags, sondern eine halbe Zeile später. Den Satz beurteilt er erst, wenn er komplett dasteht – nicht, während er entsteht.
Anders gesagt: Bildschirm und Gedanke laufen zeitlich auseinander. Sie denken das eine, tippen das zweite und kontrollieren das dritte, alles mit Verzögerung. In diesem Sinn hat blind schreiben wenig mit den Händen zu tun. Es geht darum, dass die Augen dort bleiben, wo der Text entsteht.
Warum das aufs Denken schlägt, nicht auf die Uhr
Man könnte meinen, der Preis dafür ließe sich in Sekunden messen. Tatsächlich wird er in einer anderen Währung bezahlt: Aufmerksamkeit.
Das Arbeitsgedächtnis fasst erstaunlich wenig – nach Nelson Cowans Schätzung etwa vier Informationseinheiten gleichzeitig. Mehr steht Ihnen nicht zur Verfügung, solange Sie einen Gedanken im Kopf halten, den Sie gleich aufschreiben wollen. Jeder Wechsel von der Tastatur zum Bildschirm und zurück zum Gedanken verbraucht davon etwas, und zwar fürs Orientieren, nicht für den Inhalt. Ein Teil der Formulierung geht schlicht unterwegs verloren.
Die Kognitionspsychologie unterscheidet seit Langem zwei Arten, eine Aufgabe auszuführen: kontrolliert, was Aufmerksamkeit kostet, und automatisch, was gar keine braucht (Schneider und Shiffrin 1977; das dreistufige Modell des Fertigkeitserwerbs von Fitts und Posner). Das Sprechen eines Erwachsenen läuft automatisch: Sie überlegen nicht, wie Sie die Zunge bewegen, sondern was Sie sagen wollen. Nur deshalb ist ein Gespräch überhaupt möglich.
Blind schreiben verschiebt das Tippen von der ersten in die zweite Kategorie. Nicht „schneller tippen“, sondern „tippen, ohne dass der Kopf damit beschäftigt ist“. Die frei gewordenen Einheiten im Arbeitsgedächtnis bekommt der Gedanke selbst.
Was die KI verändert hat
Mit Sprachmodellen arbeitet man heute vor allem im Dialog. Nicht ein Dokument, das eine Stunde lang geschliffen wird, sondern Dutzende kurze Nachrichten: nachfragen, anders formulieren lassen, widersprechen. Text ist nicht mehr das Ergebnis der Arbeit, sondern das Medium, in dem sie stattfindet. Wie ein Gespräch.
In so einer Umgebung wird das Tippen zum Nadelöhr zwischen Gedanke und Ergebnis. Je näher es an die Geschwindigkeit des Denkens herankommt, desto weniger geht auf dem Weg zum Bildschirm verloren und desto präziser wird die Anfrage. Und die Qualität der Antwort hängt fast vollständig von der Qualität der Anfrage ab.
Dazu kommt ein zweiter, weniger offensichtlicher Effekt. Die KI nimmt dem Menschen das Produzieren von Text ab, also genau das, wofür man das Tippen früher gelernt hat. Was bleibt dem Menschen? Die Absicht zu formulieren: zu verstehen, was man eigentlich will, und es genau so zu sagen. Das ist die aufmerksamkeitsintensivste Arbeit von allen, und sie wird nach wie vor mit den Händen auf der Tastatur erledigt.
Die Fähigkeit, blind zu schreiben, hat also nicht an Wert verloren. Sie hat den Zweck gewechselt: Früher sparte sie der Schreibkraft Zeit, heute schont sie die Aufmerksamkeit desjenigen, der denkt.
Und die Spracheingabe?
Es wäre unredlich, ohne ein Wort dazu aufzuhören. Spracheingabe gibt es, sie funktioniert, und in manchen Situationen ist sie im Vorteil: Einen Entwurf zu diktieren, wenn niemand im Raum ist, geht schneller, als ihn zu tippen.
Aber das Überarbeiten, die Fachbegriffe, Code, Variablennamen und alles, was unter Leuten passiert oder Ruhe verlangt, bleibt bei der Tastatur. Und das sind genau die Aufgaben, bei denen ein verlorener Gedanke am teuersten ist.
Deshalb lohnt es sich, nicht das „Zehnfingersystem“ mit korrekter Handhaltung zu lernen, sondern eine einzige, konkrete Fertigkeit: Text einzugeben, ohne die Augen daran zu beteiligen. Nicht wegen der Anschläge pro Minute. Sondern damit zwischen Gedanke und Bildschirm nichts mehr im Weg steht.
