Zehnfingersystem von Grund auf: was es ist, wie lange es dauert und wie Sie lernen, ohne aufzugeben
Eine ehrliche Einführung für Anfänger: wie die Hände liegen, woraus das Üben besteht und warum Sie in den ersten Wochen langsamer tippen werden als heute.
Blind tippen zu lernen ist leichter, als es aussieht (und unangenehmer, als versprochen wird). Leichter, weil es eine ganz normale motorische Fertigkeit ist, wie Fahrradfahren: Talent brauchen Sie nicht, nur kurze, regelmäßige Übungen. Unangenehmer, weil Sie in den ersten Wochen langsamer tippen werden als heute, und genau an dieser Stelle geben die meisten auf. Dieser Ratgeber beschreibt den ganzen Weg, damit Sie vorher wissen, wo es schwierig wird und warum das normal ist.
Was blindes Tippen ist und warum es nicht ums Tempo geht
Blind tippen heißt, Text einzugeben, ohne auf die Tastatur zu schauen. Jeder Finger hat seine eigenen Tasten, die Hände liegen immer an derselben Stelle, und mit der Zeit finden die Finger die Buchstaben von allein, so wie die Füße im Auto die Pedale finden.
Verkauft wird das meist über die Geschwindigkeit: zwei- bis dreimal schneller tippen. Schneller werden Sie tatsächlich, aber das ist ein Nebeneffekt. Das Eigentliche passiert mit der Aufmerksamkeit. Solange Sie die Tasten mit den Augen suchen, ist der Kopf mit zwei Dingen gleichzeitig beschäftigt: was Sie sagen wollen und wo zum Teufel das ß ist. Der Blick springt zwischen Bildschirm und Händen hin und her, der Gedanke reißt ab, Tippfehler bemerken Sie erst ein paar Wörter später. Wenn die Finger von allein arbeiten, bleibt eine einzige Aufgabe: denken. Sie schauen auf den Text, sehen den Fehler in dem Moment, in dem er entsteht, und tippen in Wörtern statt in Buchstaben.
Deshalb lautet ein gutes Ziel für den Anfang nicht „300 Anschläge pro Minute“, sondern „nicht mehr an die Tastatur denken“.
Wie lange es wirklich dauert
Im Internet wird alles versprochen: „in zwei Stunden“, „in einer Woche“, „in einem halben Jahr“. Der Grund: Alle reden von verschiedenen Punkten auf demselben Weg. Und davon gibt es drei:
- Sie wissen, wo jeder Buchstabe liegt. Sie tippen langsam, mit Pausen, aber ohne hinzusehen. Bei 15 bis 20 Minuten am Tag dauert das meist zwei bis vier Wochen.
- Sie tippen im Alltag blind. Nachrichten, Notizen, Suchanfragen: Das alles geht ohne Qualen. Etwa ein bis zwei Monate. Die verbreitete Schätzung „ungefähr ein Monat bei zehn Minuten am Tag“ meint genau diese Marke.
- Sie tippen schnell. Das Tempo, bei dem die Finger mit den Gedanken mithalten, kommt nach drei bis sechs Monaten, und zwar ohne extra Übungen: Sie benutzen die Fertigkeit einfach jeden Tag.
Zur Orientierung: In der bisher größten Studie zum Tippen, mit 168.000 Teilnehmern, schrieben die meisten 30 bis 60 Wörter pro Minute, also etwa 150 bis 300 Anschläge; der Durchschnitt lag bei 52 Wörtern oder rund 260 Anschlägen. 200 Anschläge pro Minute blind sind also ein solides Arbeitsniveau.
Die Zeitangaben sind Richtwerte, keine Garantien. Manche sind schneller, manche langsamer, und auf das Endergebnis hat das kaum Einfluss.
Der Einbruch am Anfang
In den ersten Wochen tippen Sie langsamer als heute mit zwei Fingern. Das ist die unangenehmste Stelle im ganzen Lernprozess. Umgehen lässt sie sich nicht, man kann nur vorher davon wissen. Deshalb ist der beste Zeitpunkt zum Anfangen der, an dem Sie in den nächsten zwei bis drei Wochen NICHT dringend viel Text schreiben müssen.
Was Sie vor dem Start brauchen
Eine Tastatur. Jede physische, die Sie schon haben, Laptop-Tastatur eingeschlossen. Mechanisch, ergonomisch oder mit leeren Tastenkappen muss sie nicht sein, für das Lernen macht das keinen Unterschied. Nur eines sollten Sie prüfen: Die Tasten F und J sollten kleine Erhebungen haben. Daran finden die Finger ihren Platz, ohne hinzusehen.
Eine Belegung. Wenn Sie in zwei Sprachen schreiben, fangen Sie mit der an, in der Sie mehr tippen. Die zweite Belegung kommt dazu, sobald die erste automatisch läuft. Sie geht dann deutlich schneller: Die Finger können sich schon bewegen, es bleiben nur die neuen Buchstaben auf denselben Tasten.
Der Arbeitsplatz. Ein Stuhl in einer Höhe, bei der die Ellbogen ungefähr im rechten Winkel gebeugt sind und die Füße flach auf dem Boden stehen. Der Bildschirm auf Augenhöhe oder etwas darunter. Die Tastatur direkt vor Ihnen, nicht seitlich. Und die Hände: Handgelenk gerade, die Hand setzt die Linie des Unterarms fort, weder nach oben abgeknickt noch durchhängend.
Die Grundstellung, und warum sie so aussieht
Acht Finger liegen auf der mittleren Reihe: die linke Hand auf ASDF, die rechte auf JKLÖ. Die Zeigefinger auf den Tasten mit den Erhebungen, die Daumen über der Leertaste. Das ist die Grundreihe: Von hier geht jeder Finger zu seinem Buchstaben, und hierher kommt er zurück.

Jeder Finger hat seine eigene schräge Spalte, nach oben und nach unten von der Grundtaste aus. Der linke kleine Finger ist für Q, A, Y zuständig; der Ringfinger für W, S, X; der Mittelfinger für E, D, C. Die Zeigefinger sind die stärksten und beweglichsten, deshalb bekommen sie je zwei Spalten: links R, F, V und T, G, B, rechts Z, H, N und U, J, M. Die rechte Hand ist spiegelbildlich, nur hat der kleine Finger mehr zu tun: Der ganze rechte Rand der Tastatur gehört ihm, Ü, Ä und ß eingeschlossen.

Warum so? Kein Finger muss weit greifen, die Hände bewegen sich kaum, und weil die Hand immer an derselben Stelle liegt, ist der Weg zu jeder Taste immer dieselbe Bewegung. Genau diese Wiederholung wird zum Muskelgedächtnis. Wandert die Hand über die Tastatur, gibt es nichts zu merken: Der Weg zum Buchstaben ist jedes Mal ein anderer.
Das Schema ist dabei kein Dogma, sondern ein brauchbarer Standard. Wirklich wichtig sind drei Dinge: die Augen auf dem Bildschirm, viele Finger im Einsatz und Konsequenz, also dass eine Taste immer vom selben Finger gedrückt wird. Als Anfänger bekommen Sie alle drei am einfachsten, indem Sie das Standardschema so lernen, wie es ist. Sollte sich später eine Taste als unbequem erweisen, dürfen Sie abweichen, aber bewusst und für immer, nicht jedes Mal anders.
Woraus das Üben besteht
Die Reihenfolge unterscheidet sich von Kurs zu Kurs ein wenig, die Logik ist überall dieselbe: erst die Tasten unter den Fingern, dann die, zu denen man greifen muss; erst einzelne Buchstaben, dann Kombinationen, dann zusammenhängender Text.
Die Grundreihe. Los geht es mit den zwei Tasten unter den Zeigefingern, dann kommen die übrigen Finger dazu. Aus diesen Buchstaben lassen sich kaum Wörter bilden, die Übungen sehen aus wie Kauderwelsch, und das ist in Ordnung: Sie lernen keine Wörter, sondern Bewegungen.
Obere und untere Reihe. Der Finger geht nach oben oder unten und kehrt nach Hause zurück. Die untere Reihe fällt meist schwerer: Die Bewegung ist weniger natürlich. Ein gutes Zeichen für einen Kurs: Am Ende jeder Reihe gibt es Lektionen, in denen alles bisher Gelernte gemischt wird.
Schwache Finger. Die kleinen Finger und die Ringfinger haben bisher kaum gearbeitet und werden hinterherhinken. Das geht allen so. Sie brauchen eine Extraportion Übung.
Buchstabenkombinationen. Hier passiert ein wichtiger Sprung: Die Finger merken sich keine Tasten mehr, sondern Abfolgen. Häufige Paare wie „en“, „ei“ oder „ch“, bei denen die Buchstaben unter verschiedenen Händen liegen, verschmelzen schnell zu einer Bewegung. Schwerer sind die, bei denen beide Buchstaben auf demselben Finger liegen, und davon hat das Deutsche einige unter den häufigsten: „un“ wie in „und“ und „zu“ liegen komplett auf dem rechten Zeigefinger, „de“ wie in „der“ und „die“ auf dem linken Mittelfinger. Wenn Sie über ein kurzes Wort ständig stolpern, liegt es wahrscheinlich daran und nicht an Ihnen.
Häufige Wörter. Die hundert gebräuchlichsten Wörter machen einen riesigen Anteil jedes Textes aus. Sobald sie in einer Bewegung herauskommen, springt die Geschwindigkeit spürbar nach oben.
Umschalttaste und Großbuchstaben. Die Regel: Die Umschalttaste drückt der kleine Finger der anderen Hand. Ein großes A braucht die rechte Umschalttaste, ein großes L die linke.
Satzzeichen. Komma und Punkt, die zwei häufigsten, liegen ohne Umschalttaste in der unteren Reihe unter rechtem Mittel- und Ringfinger und kommen deshalb leicht. Auch ß und die Umlaute sind ganz normale Tasten für den rechten kleinen Finger. Der Rest versteckt sich hinter der Umschalttaste: Fragezeichen, Doppelpunkt, Semikolon, Anführungszeichen. Deshalb kommen sie nach der Umschalttaste dran, und deshalb wird das Fragezeichen Sie länger ärgern als jeder Buchstabe: Daran arbeiten zwei kleine Finger gleichzeitig.
Zusammenhängender Text. Echte Sätze mit Großbuchstaben und Satzzeichen. Hier fühlt sich die Fertigkeit zum ersten Mal wie eine Fertigkeit an.
Ziffern. Ganz zum Schluss: Zur Ziffernreihe müssen die Finger am weitesten greifen, und gebraucht wird sie am seltensten. Viele, die sicher blind tippen, haben sie nie gelernt und leben gut damit.
Wie Sie üben sollten
Fünfzehn bis zwanzig Minuten am Tag, jeden Tag. Eine motorische Fertigkeit festigt sich zwischen den Übungen, nicht währenddessen, deshalb bringen sieben kurze Einheiten pro Woche mehr als eine zweistündige am Sonntag. Außerdem lässt nach einer halben Stunde die Aufmerksamkeit nach, die Hände ermüden, die Fehler häufen sich, und Sie trainieren genau diese Fehler.
Genauigkeit vor Geschwindigkeit. Halten Sie mindestens 95 % richtige Anschläge und werden Sie nicht schneller, solange Sie das nicht schaffen. Das ist keine übertriebene Vorsicht: Fehler zu korrigieren kostet so viel, dass am Ende schneller tippt, wer für die Sauberkeit langsamer wird. Dazu kommt, dass jeder falsche Anschlag ein kleines Training der falschen Bewegung ist. Hundert Prozent sollten Sie von sich aber auch nicht verlangen: Die Jagd nach Perfektion macht die Hände verkrampft.
Nicht nach unten schauen. Gar nicht. Vergessen, wo ein Buchstabe liegt? Holen Sie es aus dem Schema auf dem Bildschirm oder tasten Sie sich von der Grundreihe aus vor. Langsam, aber blind. Ein Blick auf die Tastatur spart eine Sekunde und macht den Sinn der Übung zunichte. Wenn die Augen von allein nach unten wandern, legen Sie ein Handtuch über die Hände.
Tippen Sie sanft. Eine Taste muss nicht bis ganz nach unten durchgedrückt und schon gar nicht geschlagen werden. Angespannte Hände ermüden schneller und vertippen sich öfter.
Messen Sie Ihre Geschwindigkeit vor der ersten Lektion. Machen Sie den Test und notieren Sie die Zahl. In einem Monat brauchen Sie sie, um zu sehen, dass Sie aus dem Tal heraus sind.
Typische Fehler der ersten zwei Wochen
Spicken „nur bei den schwierigen Buchstaben“. Gerade die schwierigen Buchstaben müssen Sie blind lernen, sonst bleiben sie für immer schwierig.
Die Jagd nach der Geschwindigkeitszahl. Der Zähler will nach oben getrieben werden, aber in den ersten Wochen bedeutet Tempo gar nichts. Achten Sie auf die Genauigkeit.
Üben in Schüben. Drei Tage je eine Stunde, dann eine Woche Pause. Beim nächsten Anlauf ist die Hälfte vergessen, und das Gefühl „ich kriege es nicht hin“ stellt sich ein. Sie kriegen es hin, nur nicht so.
Die Finger kommen nicht nach Hause. Sie drücken einen Buchstaben in der oberen Reihe und lassen den Finger dort liegen. Drei Anschläge später ist die Hand verrutscht, und jede Taste geht daneben. Rausgekommen? Ertasten Sie die Erhebungen auf F und J und fangen Sie neu an.
Aushilfe durch einen starken Finger. Der Zeigefinger übernimmt gern die Arbeit des kleinen Fingers. Lassen Sie das nicht zu: Jetzt ist es schneller, später müssen Sie umlernen.
Zwei Tipparten gleichzeitig. Solange Sie nicht alle Buchstaben kennen, müssen Sie im Alltag auf die alte Art tippen, das lässt sich nicht vermeiden. Aber sobald alle drei Reihen sitzen, stellen Sie überall auf blindes Tippen um, Messenger eingeschlossen. Etwa eine Woche lang wird das langsam und ärgerlich sein. Wenn Sie es hinauszögern, gewinnt die alte Gewohnheit jedes Mal, wenn Sie es eilig haben.
Wenn die Hände müde werden oder wehtun
Leichte Ermüdung in den kleinen Fingern und Ringfingern ist in den ersten Tagen normal. Schmerzen, Taubheit und Kribbeln sind es nicht. Prüfen Sie drei Dinge: Die Handgelenke sind nicht nach oben abgeknickt und drücken nicht gegen die Tischkante, die Hände sind nicht Richtung kleiner Finger verdreht, Sie schlagen nicht auf die Tasten. Kürzen Sie die Übung und machen Sie Pausen. Geht es nicht weg, gehen Sie besser zum Arzt.
Woran Sie merken, dass es geklappt hat
Nicht an der Zahl im Test. Die Anzeichen sind andere, und eines Tages fallen sie Ihnen ganz sicher auf. Sie merken, dass Sie nicht mehr wissen, wann Sie zuletzt auf die Tastatur geschaut haben. Sie merken, dass Sie einen Tippfehler in den Fingern spüren, bevor Sie ihn auf dem Bildschirm sehen. Sie merken, dass Sie tippen und dabei Ihr Gegenüber ansehen.
Sie denken darüber nach, was Sie schreiben, nicht wie.
Wenn Sie eine Zahl brauchen: 150 bis 200 Anschläge pro Minute bei mindestens 95 % Genauigkeit ist das Niveau, auf dem blindes Tippen schon bequemer ist als jede frühere Methode. Danach wächst die Geschwindigkeit von selbst, denn jetzt ist jede E-Mail und jede Nachricht eine Übung.
Quelle der Daten zu Geschwindigkeit und Fehlern: Dhakal, Feit, Kristensson, Oulasvirta. Observations on Typing from 136 Million Keystrokes. CHI 2018.
